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:: interview mit /'angstalt/ ::

im "interzone" no. 2

auf diese band bin ich — wie so häufig — per zufall gestoßen...
man mag sie als dark-punk bezeichnen, man mag sie art-punk nennenwollen, das alles trifft irgendwie zu, aber reicht nie völlig aus, um die ganze bandbreite des /'angstalt/-sounds zu beschreiben. gitarren-pop, gothic rock, auch jazz-elemente vermengen sie mit texten, die sowohl die direkte straßensprache als auch lyrik beinhalten... im prinzip verkörpern /'angstalt/ für mich eine der wenigen bands, die den experimentellen geist der post-punk ära oder der frühen ndw weiterverfolgen.
wenn ihr bands wie 'die blumen des bösen', 'krankheit der jugend' oder auch die 'kastrierten philosophen' mögt, dann schaut auf jeden fall mal bei der /'angstalt/ vorbei, ich denke, sie sind verwandte im geist...
allein schon, nachdem ich »die zeitraffer« gehört hatte, hatte mich der /'angstalt/-sound irgendwie um den finger gewickelt. aber melancholischer punk rock ist nur eine kleine facette ihres, durchaus auch psychedelischen, sounds...
für die zweite interzone-ausgabe wollte ich also unbedingt noch ein interview mit dieser großartigen avantgarde-band mit 'reinbringen und kontaktierte m. über das netz.

zuersteinmal, bitte stellt euch mal kurz vor die einzelnen bandmitglieder

stefan : keyboards/klavier, bass, git.
norman : schlagzeug, ggf. tasten & saiten
m. : gitarre, baß und stimme.
außerdem:
alex : bis vor kurzem baß, percussion & stimme
wann wurde angstalt gegründet und wie kamt ihr damals dazu?

(unsere gründungsgeschichte steht recht ausführlich auf unserer homepage, daraus kannst du dir ja einen eigenen text stricken ;-))

was habt ihr bisher schon so alles veröffentlicht?

frühjahr 1996 ».eins.« (erstes tonband, sechs stücke in 30 minuten, mit 16-seitigem s/w-booklet, wurde nie verkauft, sondern einfach frei kopiert.)
februar 1997 »kein 'muß'. musik.« (tonband mit zwei stücken, einzelexemplar)
3. märz 1998 »ex.« (erstes album, 10 stücke in 60 minuten, tonband only, 12-seitiges farbbooklet, schon ewig vergriffen, steht aber komplett als mp3-download im netz)
6. mai 1999 »zur blütezeit in herzwüsten — ein floristisches handbuch zur steingärtnerei« (gedichtband von m., etwa 50 gedichte in acht kapitakten, blau-marmoriertes transparentpapier, nummeriert und vergriffen. restexemplare der zweiten auflage (feb. 2000) auf blauem granitpapier noch zu haben)
dezember 2000 »[ha1b:2ehn]« (cd-zusammenstellung zum 5. jubiläum, nummeriert und limitiert, 16 stücke in 80 minuten, 20 seitiges booklet, noch restexemplare zu haben)
seit 1997 haben wir reichlich musik als .mp3 im netz stehen.
habt ihr sonst noch andere nebenprojekte?

stefan: momentan nicht.

m.: 'projekt' würde ich es noch nicht nennen, aber ich mache seit einigen monaten mit zwei freundinnen — meike (harfe) und anna (geige) — in marburg musik. zur zeit arbeiten wir an einer interpretation des /'angstalt/-instumentalstücks »statt blumen«.

norman: z.zt. nicht

wovon handeln eure texte? eure lyrik ist teilweise sehr melancholisch und dunkel aber dann wieder ziemlich ironisch... teilweise ein wenig seelenschmerz und dann eher makaber... gibt es sowas wie einen »roten faden« bei euch? eine art grundthema?

m.: das geht wohl an mich, da ich für beinahe alle texte verantwortlich bin. der »rote faden« ist eigentlich ziemlich simpel: es soll echt sein. ein anderes konzept habe ich nicht. ich will nicht mal, daß etwas 'vollständig' oder 'die wahrheit' ist. sehr oft bin ich mir auch gar nicht sicher und stelle mir vielmehr fragen. aber ich habe wirklich kein lieblingsthema oder womöglich sowas wie eine »message«. alles, was da als text steht, hat mich zu der zeit bewegt — das schreiben macht die bewegung tiefer, und schließlich hält es für mich diese bewegung wie in einem bild fest. ich bin wieder dort, wenn ich mich damit beschäftige. übrigens handelt nicht jeder text in der ich-form von mir.
inzwischen schreibe ich aber auch ganz anders als vor fünf oder zehn jahren, und ich hatte damals auch andere 'probleme' oder gedanken als heute. das kann auch dazu führen, daß die texte so unterschiedlich wirken. anfangs habe ich die texte wie schnappschüsse eines augenblicks begriffen, und mir wäre nicht eingefallen, sie nochmal anzurühren; mit der zeit saß ich aber immer wieder vor texten, bei denen ich noch wußte, was ich sagen wollte, das aber nicht wirklich im text finden konnte. inzwischen entstehen die texte daher über einen längeren zeitraum, und sie sind eigentlich nie fertig.

was sind eure persönlichen lieblingssongs?

stefan: wenn du die /'angstalt/-sachen meinst wechselt das eigentlich recht schnell. da gibt es zum einen die stücke, die mich sehr stark berühren wenn ich sie höre ohne selber mitzuspielen (wie z.B. »das blaue zimmer« oder »krebs«). zum anderen sind es für mich stücke wie »so gut wie neu«, »er spricht:«, »musa medusa« und »ichundich.« in die ich sehr gut beim spielen »abtauchen« kann.

m.: du meinst wahrscheinlich von unseren eigenen stücken, ja? den begriff »song« finde ich da übrigens in vielen fällen unpassend, weil ich dabei eher an 3:30-radiokompatibel denke. es gibt jedenfalls immer wieder welche von den gerade entstehenden sachen, die mich nicht loslassen (wenn das anders wäre, würde ich mich auch wundern) — »klirr« und »für eine hand voll zucker« beispielsweise. unter den älteren sachen ist wahrscheinlich »lautlossagen (l'esclave de l'amour)« mein ewiger favorit, dicht gefolgt von »ex.« und »in seinem namen«. jenseits aller sphären liegt allerdings »ichundich«, die vertonung zentraler punkte des letzten dramas der lasker-schüler. daran haben wir jahrelang gearbeitet, allein dieser text hat mich etliche schlaflose nächte gekostet.

norman: darf ich`s kürzer halten? krebs, er spricht, das blaue zimmer,...

eure musik ist ja sehr abwechslungsreich, mal seid ihr sehr gitarren-poppig, beinahe hamburger schule ähnlich dann wieder doch sehr goth und dann kommt hin und wieder noch punk und psychedelic dazu und dann klingen manche sachen ein bißchen jazzig... und dann meine ich irgendwie suicide rauszuhören. wie nennt ihr selbst denn euren stil oder als was würdet ihr euch bezeichnen?

stefan: psychedelicjazzpunkgothikpolka.:-) es ist für mich auch jedesmal ein akt, uns genau zu bezeichnen, weil ich mich ungerne auf eine bestimmte richtung einschränken möchte. andererseits geht mir dieses »wir lassen uns in keine schublade stecken«- oder »das was wir machen kann man nicht beschreiben«-getue auf die nerven. jeder von uns kommt aus einer ganz anderen musikalischen ecke und jeder von uns interpretiert unsere musik auch unterschiedlich. dennoch, denke ich, haben wir einen ganz bestimmten stil, eine ganz bestimmte atmosphdre in unserer musik. und oft klingt ein stück auch erst dann nach einem /'angstalt/-stück, wenn jeder einzelne auch seinen eigenen senf dazu gegeben hat. wie du oder besser wir das dann nennen, was da letztendlich bei rauskommt, ist mir dann eigentlich auch relativ egal.

m.: wahrscheinlich hast du mit allem ein bißchen recht. und wäre es dann nicht schade wenn wir sagen »nee, wir machen das-und-das«? ich frage mich auch bei keiner band, die mir etwas bedeutet, wie wohl ihr 'stil' heißt. viel lieber ist mir, wenn ich zwar jemanden wiedererkennen kann, aber trotzdem immer wieder überrascht werde und damit auch wiederentdecke, warum ich den/die so mag. alles andere wäre »aus gewohnheit«, das reizt mich nicht. ich möchte auch nicht meine freunde in solchen schubladen haben - »der ist zum probleme bequatschen«, »die ist zum witze reißen«. freunde verändern sich, wir verändern uns, ich verändere mich, und damit muß sich auch immer wieder ändern, was wir machen — und wir bräuchten ständig neue namen dafür.

was sind eure musikalischen einflüsse?

stefan: musikalisch beeinflusst werden wir bestimmt auch von der musik die wir hören, mit der wir uns identifizieren. aber ich könnte jetzt nicht genau sagen, welche das im einzelnen ist. mich beeinflussen dagegen viel mehr bestimmte stimmungen, die eigentlich nur sehr selten von der musik die ich höre ausgehen. nebel zum beispiel kann mich in eine ganz bestimmte stimmung versetzen, die sich dann musikalisch wiederspiegelt (z.b. bei dem stück »krebs«); oder aber als ich ein kind beobachtete, wie es durch tiefe schneewehen stapfte, hat mich das nicht in eine bestimmte stimmung versetzt, dennoch brachte mich das in diesem moment auf einen sehr schwerfälligen aber kraftvollen rhythmus und eine ganz bestimmte harmoniefolge, woraus dann schliesslich die musik von »so gut wie neu« entstanden ist.

m.: puh, das ist eine kurze frage mit unendlichen antwortmöglichkeiten. erstmal kann ich sie nur so verstehen: »was beeinflußt eure musik«, denn wenn wir uns darauf beschränken, wie unsere musik von anderer musik gefärbt ist, dann überschätzen wir glaube ich diesen einen faktor zuungunsten all der anderen ereignisse im täglichen leben, die wir später in der /'angstalt/ nochmal nachklingen lassen. ich habe als kind in papa's schallplattensammlung eine aufnahme von beethovens »mondschein« gefunden. beim ersten satz konnte ich gar nicht begreifen, wie ein mensch so etwas schreiben kann — er ist schlicht perfekt, da dürfte keine note auch nur ein bißchen anders sein. dann lernte ich durch einen »tatort«, den ich damals noch gar nicht sehen durfte, ebenso erstaunt die musik von jean-michel jarre kennen. das müssen so die ereignisse gewesen sein, weshalb ich begann, musik als _das_ ausdrucksmittel schlechthin zu betrachten. die ideen der einstürzenden neubauten (alles ist musik) und igor stravinsky (musik einschichten), aber auch von eher »nicht-musikern« wie joseph beuys (alles ist kunst) oder wassily kandinsky (innere notwendigkeit), haben mich immer wieder wachgerüttelt. meistens habe ich probleme mit theorien, aber gerade die theoretischen ansätze von kandinsky sprechen mir sehr aus der seele. viele wissen gar nicht, daß er auch geschrieben hat. »über das geistige in der kunst« kann ich nur wärmstens empfehlen.

norman: bezogen auf die /'angstalt/-musik ist diese frage schwer zu beantworten. hauptsächlich lass ich mich von dem inspirieren was m. und stefan als »grundlage« (text, melodie, ausdruck einer stimmung usw.) vorgeben. bisher ein bewährtes konzept. sie schreiben die stücke, ich interpretiere sie und bringe so mein »musikalisches ich« mit ein. ich glaub wir würden alle die motten kriegen, wenn ich auch noch versuchen würde stücke zu schreiben (chronische holzfällermotorik).

welche lieblingsbands habt ihr?

stefan: zu viele um sie hier alle aufzuführen. dennoch denke ich, gehören zu dem festen kern meiner lieblingsmusiker gruppen oder künstler wie the cure, cranes, david bowie, tori amos, tool, curve, miranda sex garden, depeche mode, godspeed you black emperor!, j.-s. bach, björk, ....(fasse mich hier etwas kürzer um noch etwas mehr Platz für m.'s liste zu lassen!)

m.: du hast es so gewollt ;-) — eine auswahl an musikern, die ich guten gewissens empfehlen könnte (alphabetisch und aktuell, könnte nächste woche schon etwas anders aussehen): and also the trees, an pierle, aphex twin, archive, boxhamsters, cop shoot cop, cranes, cure, dead can dance, die kreuzen, ea80, einstürzende neubauten, emf, endraum, flowerpornoes/tom liwa, gerhard schöne, goodspeed you black emperor!, goethes erben, hanns-dieter hüsch, kol simcha, luna sea, meret becker, mila mar, mira, miranda sex garden, morgoth, motorpsycho, my dying bride, neurosis, noa, pale saints, paula cole, philip glass, quarks, saviour machine, sigur ros, sinead o'connor, slowdive/mojave 3, sonic youth, stina nordenstam, swans, talk talk/mark hollis, the god machine, tool, zbignew preisner...

norman: goethes erben, cure, depeche mode, cranes, marylin manson ...

mit wem seid ihr schon gemeinsam aufgetreten? oder mit wen würdet gerne mal zusammen spielen?

stefan: CRANES, das wäre für mich ein absoluter traum.

norman: cranes, sometree

m.: hoffentlich klappt es bald mal mit dem »angstraum«-projekt, einem gemeinsamen abend mit endraum aus frankfurt. außerdem würde ich gerne mal mit goethes erben und ea80 spielen. wenn es sie denn noch gäbe, hätte ich auch einiges dafür gegeben, mal für die kreuzen zu eröffnen. ein abend mit unloved wär sicher such ziemlich spannend...

was bedeutet euer bandname /'angstalt/? das erinnert mich persönlich jetzt an paranoia, heilanstalt, geisteskrankheit usw. mögt ihr solche symbolik oder habt ihr einfach generell ein faible für wortspiele?

m.: im ersten jahr hatten wir noch gar keinen namen, weil alles andere wichtiger war. dann fanden wir gefallen an der idee, einen neuen begriff zu prägen mit dem, was wir tun — /'angstalt/ ist diese musik, aber auch all die texte oder bilder, die da entstehen. da steckt für mich auch ein bißchen verweigerung vor dem bloßen altern drin, oder davor verwaltet zu werden.

stefan: genau das weiss ich selber nicht genau! wie m. schon sagte hatten wir zunächst gar keinen namen. was mir an /'angstalt/ besonders gefällt ist, daß dieser name unweigerlich mit uns und dem was wir tun in verbindung gebracht werden muss.

ihr tretet nicht sehr oft auf, bei was für anlässen spielt ihr normalerweise? habt ihr schonmal eine tour gemacht?

stefan: wir würden gerne häufiger konzerte spielen oder eine tour machen. aber es ist nicht einfach mit der musik auftrittsmöglichkeiten zu bekommen. antworten wie »das können wir hier nicht spielen« oder »das passt nicht in unser konzept« sind keine seltenheit.
andererseits ist das meiner ansicht nach auch ein grosser »schwachpunkt« der band: konzerte zu organisieren. gerne würden wir diese aufgabe auch jemandem überlassen, dem die ganze organisation leichter von der hand geht und der dabei auch unsere interessen berücksichtigt.

m.: (»der« oder auch »die«, natürlich) eine tour gab's noch nicht. ich kann mir auch kaum vorstellen, mit dieser musik über lange zeit jeden abend auf einer bühne zu stehen. ausprobieren würde ich es trotzdem, wenn es sich mal anbieten sollte. daß wir so selten spielen ist aber nicht bestandteil eines konzepts, wie stefan schon sagte.

habt ihr eine neue veröffentlichung?

m.: leider nicht — aber das ändert sich hoffentlich bald. roman von endraum hat uns angeboten, mal eine produktion mit uns zu machen, das ist bisher leider noch nicht zustande gekommen. aber wir sind daran weiterhin sehr interessiert, zumal roman ein paar eigene ideen hat. das verspricht ein spannendes projekt zu werden, weil es die /'angstalt/ mal aus einer anderen perspektive darstellen kann. und da ich endraum sehr schätze, habe ich da auch größtes vertrauen in roman.

stefan: ich hoffe bald. wenn es zur aufnahme des kompletten albums kommt, wird es für uns ein »werk«, das über jahre hinaus gereift ist und trotzdem — durch den ausstieg von alex — nicht mehr ganz klar überschaubar ist. es wird sowohl ein spiegel der letzten 3-4 /'angstalt/-jahre, als auch ein wegweiser des künftigen /'angstalt/-schaffens sein.

was macht ihr alle so hauptberuflich?

(diese frage finden wir in diesem zusammenhang sehr unbedeutend und uninteressant: auch wenn wir als band unter uns sind, sind solche sachen schlicht kein thema. sie wird daher auch hier unbeantwortet bleiben.)

ihr scheint mir eine der wenigen bands zu sein die heute noch punk oder gothic machen mit der intention, kunst zu fabrizieren. gehen eure vorlieben besonders in richtung kunst, literatur und poesie? seid ihr auch außerhalb der band auf dem »kunst-trip«?

m.: kunst ist eigentlich ganz einfach und normal. meine vorlieben gehen aber vor allem in richtung leben. das möchte ich mitbekommen und gestalten, mir fragen stellen und die freiräume schaffen, in denen ich auch mal traurig oder stinksauer sein kann, ohne das gefühl zu haben, etwas 'geächtetes' zu tun. das hat mich eigentlich zur »kunst« gebracht. es hätte auch zur philosophie füren können. aber da wird vielleicht mehr gedacht als gefühlt und getan. was andere »kunst« nennen ist für mich nichts anderes, als sich mit unbequemen, nicht so offensichtlichen gedanken oder dingen offen auseinanderzusetzen. nicht jedes rätsel und nicht alles, was ungewöhnlich ist, muß gleich ein kunstwerk sein.
aber ich denke, ohne ein wenig 'arbeit' sind die wichtigsten fragen im leben nicht wirklich zu bewältigen. oder genau so, wie ein selbstgebackener kuchen wundersamerweise meistens besser schmeckt als ein gekaufter, sind auch die selbsterlebten lebensfragen viel beeindruckender als das, was fernsehen oder das charts-radio so zu bieten haben. ich meine, für viele fängt »kunst« da an, wo sie etwas nicht mehr sofort verstehen (vielleicht ist das auch nicht der schlechteste ansatz, wenn er auch seine schwächen hat...), und entwickeln eine abneigung dagegen — gegen ihren eigenen anteil daran. denn genau das ist ein wesentlicher punkt für mich: kunst nimmt dir nicht das denken, fühlen oder gar das handeln ab, ganz im gegenteil. sie ist keine pille, die du einfach schluckst, an dann ist »kunst« passiert; du mußt dich mit ihr beschäftigen, in dir etwas »mit ihr machen«, erst dann »passiert sie«. für mich stellen künstler gute fragen, die du selbst beantworten mußt, um daraus »kunst« zu machen, ohne dich geht es einfach nicht.
sie sitzt dir im rücken und fragt dich aus, aber das erfährt erst mal niemand außer dir. kunst sagt nicht »kopf hoch, das wird schon wieder« wenn deine wahrheit heißt »du hast ein echtes problem«. insofern fühle ich mich hier manchmal ein bißchen wie im rokoko, wo erstmal gepudert und geschminkt wurde, anstatt sich mal zu waschen. an der stelle ist kunst übrigens immer auch politik, selbst wenn das viele nicht gerne hören. über die 'offizielle' einstellung insbesondere der 'schwarzen szene', sie sei ja so unpolitisch, kann ich da eigentlich nur schmunzeln. erstens wissen sie wohl gar nicht, wie politisch ihr auftreten ist, zweitens folgt daraus, daß sie sich tendenziell von politischen strömungen instrumentalisieren lassen, woraus für mich drittens der schluß naheliegt, daß sie sich ihr unpolitisches wahlimage nicht mehr leisten können; beim 'punk' seh ich's ungefähr andersrum, weil dem als image anhängt, per se politisch zu sein, was ich begrüßen würde, aber de facto größtenteils bekannte vorgeblich 'linke' phrasen nachgedroschen werden und auch hier innerhalb der gemeinde ganze frageräume nicht mehr gestellt werden dürfen, wenn du nicht rausfliegen willst — die wirklich 'politischen' — (selbst)kritischen — künstler beeindrucken mich hier wie da, und sind viel zu selten — aber das nur am rande, zurück zur frage:
ich gehe z.b. oft in kleinen programmkinos in filme, von denen ich so gut wie nichts gehört oder gelesen habe, und lasse mich überraschen. gerade diese unvorbereitetheit hat einen großen reiz. solche kinos werden in der regel von echten filmliebhabern aufrechterhalten, dementsprechend leidenschaftlich ist die auswahl der filme, die sie zeigen, du wirst also selten enttäuscht, aber oft mit dingen konfrontiert, die du dir vielleicht selbst nicht ausgesucht hättest. wenn es das ist, dann bin ich »auf dem kunst-trip«.

stefan: auch hier, wie sollte es auch anders sein, gehen die interessen sehr weit auseinander. literatur und poesie ist eher m.'s ding. für mich besteht die »kunst« bei /'angstalt/ darin, jeder idee oder jeder »inneren notwendigkeit« der musiker oder der einzelnen stücke genügend raum zu geben und sich entwickeln zu lassen. wie m. bereits sehr treffend sagte, ist kunst etwas forderndes, dem man sich erst stellen bzw. öffnen muss um daran teil zu haben. das macht es vielen auch so schwer sich mit kunst auseinanderzusetzen (bei mir ist es da z.t. nicht anders).

ich hab' noch nie etwas von euch in 'nem plattenladen gesehen... veröffentlicht ihr euer material alles selbst oder hat euer label eine so schlechte distribution, daß nur sehr wenige läden oder mailorders eure platten vertreiben?

stefan: wir haben bisher alles selbst veröffentlicht. ich hoffe aber, das sich das mit dem nächsten album unter bestimmten vorrausetzungen ändert.

m.: da sprichst du wieder einen der punkte an, an dem die meinungen innerhalb der /'angstalt/ etwas unterschiedlich gefärbt sind (daraus gewinnt die /'angstalt/ ja auch einen großteil ihrer energie...). ich bewerte die stellung des internet wahrscheinlich etwas anders, weil es für mich seit jahren eine alltägliche informationsquelle darstellt und ich dadurch erfuhr, wie wertvoll frei verfügbare inhalte für die allgemeinheit sind. dieses, per e-mail geführte, interview kam ja interessanterweise auch dadurch zustande, daß du unsere musik als .mp3 im netz kennenlerntest und interessant fandst. offensichtlich bewegt das, was wir tun, tatsächlich ab und an die gemüter - das netz ließ uns auch schon an regelrechten ekeltiraden teilhaben. jedenfalls sehe ich persönlich die zukunft nicht im plattenvertrag-popelband-konzept der vergangenheit; dieses modell hat sich überlebt, und das liegt allein bei den betroffenen konzernen. hm, da hängt ein ganzer rattenschwanz an konzepten hinter, die auf den gedanken freier informationen beruhen und eigentlich ein eigenes interview rechtfertigen würden. bis dahin verweise ich auf die erfolgsgeschichte von gnu/linux und erste ansätze, diese denkweise auch auf künstlerische produktionen zu übertragen: http://openmusic.linuxtag.org

möchtet ihr gerne ein paar bands, die ihr gut findet oder mit denen ihr befreundet seid, empfehlen?

norman: sometree

stefan: sometree

m.: ja, und hört euch mal suzanne und unloved an — dahinter schlagen herzen. außerdem haben cranes vor jahren ihren plattenvertrag bei dedicated verloren und die ungewißheit genutzt, sich vom einfluß fremder labels zu lösen. sie gründeten ihr eigenes label dadaphonic und veröffentlichten nach jahrelanger pause (1997-2001) ein neues album ("future songs"). cranes begründen diesen versuch, es auf eigene faust schaffen zu wollen, mit den bedingungen interessierter majors, die ihnen verträge nur dann aboten, wenn sie in zukunft »radiotauglichere« musik schreiben. diese selbsttreue sollte belohnt werden.

so wie ich euch als band einschätze, müsstet ihr ja zwischen allen stühlen zuhause sein, was haltet ihr so von der punk/indie oder gothic/düster szene? zählt ihr euch irgendwo so richtig dazu oder seid ihr auch was eure persönlichen vorlieben angeht so zwischen allem?

stefan: ich habe mich noch nie zu einer bestimmten szene richtig zugehörig gefühlt. bisher hatte ich immer den eindruck, daß in verschiedenen szenen mehr »schein als sein« herrscht, das sich zeigen und präsentieren, sehen und gesehen werden um sich zugehörig zu fühlen. das war immer nicht so mein ding.

m.: ich fühl mich überall zuhause, wo ich nicht über fußball, autos, klamotten, frisuren und »die sind kommerziell geworden« reden oder zwingend spaß haben muß. prinzipiell gibt es überall menschen, mit denen ich warm werden kann. allerdings habe ich in den letzten jahren den eindruck gewonnen, daß die sich unter den schwarzgewandeten überzufällig häufen, wobei das offenbar eher »schlichte« als »aufgedonnerte« sind. es scheint einen großen unterschied zu machen, ob ich von mir aus im laufe des lebens immer weiter in schwarz tauche (wodurch auch immer und was es auch bedeuten mag) und dadurch angezogen werde, oder diese schwarze menge bemerke und möglichst schnell dazugehören möchte. ersten ist auch ganz egal, ob sie als goten, gothics, gruftis oder was auch immer betrachtet werden. für sie sind schwarze veranstaltungen eben auch mehr große podiumsdiskussionen als endlose shopping malls. ich kenne »schwarze«, die gar kein schwarz tragen.

möchtet ihr gerne noch »letzte worte« ausrichten an meine leser?

stefan: vielen dank für das interesse an /'angstalt/.

m.: meine letzten worte sind es wahrscheinlich nicht: ich wünsche mir, daß sich menschen mehr einmischen, wo sie defizite wahrnehmen (also nicht erst meckern, wenn sie zu hause sind), aber auch erst noch einmal darüber nachdenken, ob sie wirklich sagen wollen, was sie gleich sagen werden. beides würde uns allen nicht schaden. wie weit sebstveratwortung führen kann, zeigt gnu/linux am beispiel der betriebssysteme für computer — und da steckt so viel mehr potential drin... antesten: http://freie-software.bpb.de