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geisling · geisling ii · geisling iii

geisling ii.

»laß mir noch ein wenig zeit...« bittet sie, während geisling nach einem schal sucht. »du stehst jetzt schon seit ein paar tagen in meiner tür,« erwidert er ungeduldig und blickt zum kamin, der recht verlassen ausschaut, »draußen stürmt und schneit es, warum kommst du nicht einfach herein, setzt dich mit mir ans feuer und wärmst dich erst mal auf?« — »ich kenne dich doch gar nicht! das geht mir ein bißchen zu schnell. laß mir noch ein wenig zeit...« geisling bemerkt ihre blaugefrorenen lippen. er kennt das: ganz allein draußen in der kälte stehen und darauf hoffen, daß endlich jemand vorbeikommt, an dem man sich wärmen kann. und wie oft glaubte er, so jemanden gefunden zu haben — und wie regelmäßig wurde er lediglich als kurzzeitige wärmflasche benutz, was jedesmal zur folge hatte, daß ihm hinterher kälter war als zuvor (wir wissen ja, wie naiv er manchmal ist). er kennt das also. und dachte sich irgendwann, daß er sich ja wenigstens eine bleibe bauen könnte, in der er am feuer warten kann. das ist zwar nicht dasselbe, aber es macht die schmerzen erträglich. hoffte geisling wenigstens (ist er nicht niedlich, in seiner kindhaften naivität?). denn jetzt steht seit tagen jemand in der tür. in der offenen tür. drinnen ist es warm. draußen kalt. sehr kalt. für sie ist es wahrscheinlich schonmal angenehmer, wenigstens von vorne etwas wärme zu spüren. geisling dagegen steht seit tagen in der eisigen zugluft. warum schmeißt er sie nicht einfach raus? weil er sie 'versteht' (dieser naive trottel). geisling wird eher an einer lungenentzündung sterben, als daß er sie vor die tür setzt. armer geisling. »ich habe uns einen tee gemacht.« als geisling das gesagt hatte, geschah etwas, womit er niemals gerechnet hätte: sie macht ein paar schritte... nach draußen! »habe ich etwas falsches gesagt?« keine reaktion. los, das ist sie, geisling — deine chance: knall ihr die tür zu! mach schon!!! nein. geh ihr nicht hinterher, du hustest doch schon! dieser naive trottel. aber das war uns ja schon klar, oder? jetzt stehen sie da draußen im schnee, weil geisling so nett war, tee zu kochen. tee! können sie davon irgendwas verstehen? wenn ihnen saukalt ist, haben sie dann auch angst vor tee? also wirklich... »wovor hast du eigentlich angst?« keine reaktion. »du sollst doch nicht gleich einziehen...« na, das wäre ja auch noch schöner, geisling! jetzt sieh aber zu, daß du dich vor den kamin bewegst — laß sie doch da draußen stehen, wenn sie nicht will! du nervst sie sicherlich. »ich werde dich nicht einsperren, du kannst bleiben solange du magst und mir gesellschaft leisten. ich kenne dich doch auch nicht, und glaub mir, ich biete nicht jedem den platz an meinem feuer an. sicher fehlt mir jemand, um aus diesem haus mein zuhause zu machen, aber ich habe trotz allem mein entscheidungsvermögen nicht verloren.« das dürfen wir allerdings langsam bezweifeln. »du denkst sicherlich, ich würde drängen — aber ich kann meine tür nicht ewig offen lassen« na endlich! geisling, wir sind stolz auf dich! es geschieht lange zeit nichts. geisling senkt die augen auf den boden und spricht mit zitternder stimme: »tu was du willst.« langsam dreht er sich um und schreitet zur tür. schwere schritte. schweren herzens. sie weint, vielleicht. er kann es nicht erkennen, auf die entfernung. das macht ihn traurig. im haus ist es schon sehr kalt, aber immer noch wärmer als draußen. »was soll ich hier? es macht keinen unterschied, ob ich alleine im schnee erfriere oder alleine vorm kamin dahinlebe. ich habe hier so viel zu geben, aber niemand möchte es haben. was also soll ich hier?« der tee ist inzwischen mit einer hauchdünnen eisschicht überwachsen. das feuer im kamin ist verloschen. geisling friert. wir müssen das nicht mehr kommentieren. plötzlich steht sie neben ihm. sie schauen sich sprachlos an. nach einer ewigkeit durchzittert es ihren ganzen körper, doch geisling ist zu schwach... »ich dachte, hier wäre es warm...« sagt sie, als sie das haus verläßt und geisling einsam zurückbleibt. obwohl er weiß, daß sie es nicht mehr hören kann, antwortet er wie zu sich selbst: »laß mir noch ein wenig zeit...«